Kürzlich erschrak ich über eine Feststellung: In den letzten fünf Jahren war ich nur ein einziges Mal in einem mir noch unbekannten Haushalt zu Besuch. Schuld daran ist sicher mein Alter und die Tatsache, dass die wenigen Bekanntschaften, die ich seit der Pandemie geschlossen habe, in Restaurants stattfinden. Dieser Gedanke katapultiert mich zurück in die Achtzigerjahre, wo es genau andersrum war. Damals verschlug es uns Kinder fast täglich in unbekannte Behausungen. Unsere Eltern, sorglos, wie sie waren, liessen uns raus, als wären wir Katzen. So streunten wir durch die Nachbarschaft und wurden überall eingeladen. Wir schwammen im Swimmingpool der Millionärsfamilie, sahen Messie-Wohnungen, Clownfiguren in schrecklichen Wohnwänden, wir redeten mit Papageien, bestaunten Leguane und Schlangen, spielten Ping Pong und Tetris. Überall wurden uns ungesunde Snacks und Süssgetränke angeboten. Vielleicht entwickelte ich damals meine Faszination für die Obsessionen der anderen. Besondere Ehrfurcht hatte ich vor einem Nachbarsmädchen, dessen Zimmer von oben bis unten mit Coca-Cola- und Elvis-Artikeln dekoriert war. Ich hätte stundenlang dabei zuschauen können, wie sie ihre Sammlerstücke abstaubte und Geschichten dazu erzählte. Meine Theorie lautet: Das Betreten neuer Räume verlangsamt die Zeit. Der Tag expandiert und bleibt lebhafter in Erinnerung. Mal schauen, vielleicht dränge ich mich demnächst bei jemandem auf.
Julia Kohli, geboren 1978 in Winterthur, schreibt u.a. für die NZZ am Sonntag. Ihr Debütroman «Böse Delphine» (Lenos, 2019) wurde mit dem Studer/Ganz-Preis ausgezeichnet. 2024 erschien ihr neuer Roman «Das Leben ist die grösstmögliche Ruhestörung» im Lenos-Verlag. Julia Kohli wohnt in Zürich.
















