Aufgrund einer Schaffenskrise beschloss ich kürzlich, das Haus meiner Mutter zu reinigen, während sie in den Ferien war. Putzen ist nämlich das beste Kontrastprogramm zum Schreiben – der schnelle Erfolg winkt und sämtliche Muskeln kommen zum Einsatz. Mein Endgegner war das Büchergestell in der Stube, ein etwa 900 Werke zählendes, mit Krimskrams vollgestelltes Monstrum. Als Erstes sortierte ich fünf Säcke mit DVDs und VHS-Kassetten aus und stellte diese vorsichtshalber in den Keller. Meine Mutter ist durchaus imstande zu behaupten, sie würde sich irgendwann wieder die entsprechenden Geräte besorgen. Der Staub juckte in meinen Augen, der Staubsauger röchelte, ich lachte und weinte über Geschenke von Kindern und Enkelkindern: Salzteighexen, klobige Schalen aus Ton – Heiligtümer mit ewigem Bleiberecht. Mein Bedürfnis, das Gestell zu lichten, war aber gross. Zum Glück fand ich Berge ausgedienter Telefonbücher, die ich ohne schlechtes Gewissen entsorgte. Ich kategorisierte, alphabetisierte, rückte Vasen und Kerzenständer zurecht. Zwischendurch betrachtete ich mein Werk und strich zufrieden über die entstaubten Ablagen. Irgendwann ärgerte ich mich über die Tonnen vergilbter Duden und Thesauri (Thesaurier wäre passender). Ich stellte mir die Apokalypse vor: Die wenigen Überlebenden einer Seuche wärmen sich an einem Feuer, das digitale Zeitalter ist passé. Heisst es nun der oder das Virus, fragt jemand. Vielleicht täte ein bisschen Gewissheit auch in Krisen gut, denke ich, entstaube die Wälzer und ordne sie wieder ein.
Julia Kohli, geboren 1978 in Winterthur, schreibt u.a. für die NZZ am Sonntag. Ihr Debütroman «Böse Delphine» (Lenos, 2019) wurde mit dem Studer/Ganz-Preis ausgezeichnet. 2024 erschien ihr neuer Roman «Das Leben ist die grösstmögliche Ruhestörung» im Lenos-Verlag. Julia Kohli wohnt in Zürich.














